12.07.2013

12. Juli 1998: Frankreich wird Weltmeister

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Seite 2/3: Ronaldo: Nur ein Schatten seiner selbst
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Zico ist fassungslos. Er hat gesehen, wie Ronaldo noch wenige Stunden zuvor krampfend auf seinem Hotelbett lag. Braucht es denn noch deutlichere Anzeichen dafür, dass ein Mensch nicht gesund ist? Zico, 1998 sportlicher Direktor und Zagallos Assistent, packt Dr. Toledo am Kragen und zischt: »Wenn dem Jungen etwas passiert, bringe ich dich eigenhändig um!« Nicht nur Zico weiß, dass Ronaldo in dieser Saison allein für seinen Arbeitgeber Inter Mailand in 63 Spielen auf dem Platz stand. Dutzende Gegenspieler haben versucht, dem Wunderjungen die Flügel zu stutzen. Ronaldo wurde gehetzt, getreten und gejagt. Im Halbfinale bedienten sich die Niederländer an ihrem kompletten Repertoire der erlaubten und unerlaubten Mittel, um den Angreifer zu stoppen. Ronaldo ist müde. Sein Körper hat signalisiert: Ich kann nicht mehr. So sieht Zico das. Aber Ronaldo wird spielen.

Es sind nur noch wenige Minuten bis zum Anpfiff. Hektisch werden auf den Presseplätzen im Stade de France die aktualisierten Aufstellungen verteilt. Frankreich spielt mit Barthez, Lizerazu, Leboeuf, Desailly, Thuram, Djorkaeff, Deschamps, Zidane, Petit, Karembeu und Guivarc´h. Brasilien schickt Taffarel, Cafú, Aldair, Junior Baiano, Roberto Carlos, César Sampaio, Dunga, Rivaldo, Leonardo, Bebeto und Ronaldo ins Rennen. Ronaldo?

12. Juli 1998, kurz vor neun Uhr. Die Finalisten dieser Weltmeisterschaft laufen ein. Die Hymnen erklingen. Laurent Blanc, in der weißen Trainingsjacke, küsst Fabién Barthez noch einmal die Glatze. Die Franzosen lieben dieses Ritual. Erstmals bei diesem Turnier wird einer von beiden nicht auf dem Platz stehen. Kann das gut gehen gegen die geballte Angriffskraft der Brasilianer? Gegen Ronaldo?

Stéphane Guirvarc´h, Frankreichs Pechvogel

Wenige Minuten sind gespielt. Mit ungeheurer Geschwindigkeit führt Zidane den Ball durch die gegnerische Hälfte, die Menge tobt, Zidane erreicht die Strafraumgrenze, steckt durch auf Stéphane Guivarc´h – doch der Mann von AJ Auxerre vertändelt den Ball. 21 Tore in 31 Spielen hat Guivarc´h in der abgelaufenen Saison geschossen, deshalb hat in Jacquet in seinen WM-Kader berufen. Doch in diesem Finale wird der Franzose den Beweis seiner Klasse schuldig bleiben.

Freistoß von der linken Seite. Für Frankreich. Was hatte der Trainer noch mal gesagt? Zidane schlägt den Ball auf den kurzen Pfosten, Youri Djorkaeff ist völlig frei, erwischt das Spielgerät aber nur mit der Schulter, die Chance ist vertan.

Was ist mit Ronaldo? Wie ein Schatten seiner selbst rennt der Stürmer über den Platz. Noch im Halbfinale begeisterte er die Zuschauer mit einem spektakulären 90-minütigen Kraftakt gegen die Niederlande, jetzt wirkt er wie ein Boxer nach Runde zehn. Auf der brasilianischen Bank sitzt Zico, seine Aufmerksamkeit gilt dem sichtbar entkräfteten Ronaldo. »Ich hatte das ganze Spiel über Angst«, wird er nach dem Spiel seine Nervosität erklären.

Eckball für Brasilien. Rivaldo köpft Barthez in die Arme.

Die 27. Minute. Eckball für Frankreich. Doch nicht Zidane wird die Ecke treten, sondern Emmanuel Petit. Zidane steht an der Strafraumgrenze. Petit läuft an, Zidane sprintet los. Wie eine Schlange sucht er sich den Weg durch den vollgestellten Torraum, der Ball findet seinen Schädel mit dem markanten Haarkranz, ein kraftvoller Sprung, Aufsetzer, Tor! 1:0 für Frankreich! Durch ein Kopfballtor von Zinedine Zidane!

Ronaldo bleibt liegen, Zico erstarrt

Brasiliens Reaktion gipfelt in einem der spektakulärsten Fotos dieser Weltmeisterschaft. Ein weiter Pass findet Ronaldo, der hat nur Augen für den Ball, nicht aber für den heranstürmenden Barthez. Frankreichs Nummer Eins faustet den Ball aus der Gefahrenzone und erwischt Ronaldo in vollem Lauf mit dem Unterleib an der Schulter. Das Publikum jubelt, Ronaldo bleibt liegen, Zico erstarrt. Nach wenigen Augenblicken kann Ronaldo weiterspielen.

Der aufregende Zusammenprall scheint auf Brasilien wie ein lähmendes Gift zu wirken. Ohne Ronaldo in Topform ist die Angriffsreihe gegen die Viererkette um Lizerazu, Leboeuf, Desailly und Thuram unterlegen. Und die eigene Verteidigung produziert krasse Fehler in Serie. Petit und erneut Guirvarc´h haben das zweite Tor auf dem Fuß, vergeben aber kläglich.

Die reguläre Spielzeit der ersten Halbzeit ist bereits abgelaufen, da erhält Frankreich noch einen Eckball.

Diesmal tritt Djorkaeff die Ecke, von links kommt der Ball in den Strafraum geflogen. Wieder ist Zidane da, wieder zuckt der Haarkranz, wieder schlägt der Ball im Tor sein. Durch die monströsen Beine von Roberto Carlos. Es steht 2:0 für den Gastgeber.

 
 
 
 
 
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