12. Juli 1998: Frankreich wird Weltmeister

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Vor 15 Jahren wurde Frankreich Weltmeister. 3:0 im Finale gegen Brasilien. Blancs Glatzenküsse, Zidanes zuckender Haarkranz, der Champs Elysées außer Rand – die eine Seite der Medaille. Was aber geschah mit Brasiliens Superstar Ronaldo? Erinnerungen.

»Er stirbt! Er stirbt!« Schreie hallen aus Zimmer 290 im Hotel »Chateau de Grande Romaine« in Lesigny, einer kleinen Gemeinde nordöstlich vor den Toren von Paris. »Er stirbt!« Brasiliens Nationalspieler Roberto Carlos brüllt um Hilfe. Vor ihm auf dem Bett liegt sein Mitspieler, der 21-jährige Wunderjunge Ronaldo, seine Augen sind verdreht, sein Körper zuckt, er hat Schaum vor dem Mund. César Sampaio stürzt in den Raum, er steckt Ronaldo einen Finger in den Hals, um zu verhindern, dass der Stürmer an seiner Zunge erstickt. Endlich erreichen die Mannschaftsärzte das Zimmer, Ronaldo wird ins Krankenhaus gebracht.

In fünf Stunden beginnt das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 1998.

Während einer der Stars dieses Turniers in der »Clinique des Lilas« untersucht wird, bittet Aimé Jacquet, Frankreichs Nationaltrainer, seine Spieler zu einer letzten taktischen Besprechung. Eindringlich erinnert Jacquet an die große Schwäche des brasilianischen Gegners bei hohen Flanken und Standardsituationen. Ob Spielmacher Zinedine Zidane in diesem Moment wirklich bei der Sache ist? Im zweiten Vorrundenspiel gegen Saudi-Arabien war er nach 70 Minuten wegen einer Tätlichkeit vom Platz gestellt worden. »Sie haben uns das Herz herausgerissen!«, jammerte danach eine französische Zeitung. Aber das Herz hatte einfach falsch getickt und beim Stand von 2:0 einem am Boden liegenden Gegenspieler die Stollen in die Hüfte gerammt. Zwei Spiele Sperre gab es dafür, erst im Viertelfinale gegen Italien durfte der elegante Mittelfeldmann wieder sein Können unter Beweis stellen.

Jetzt also das Finale. Im eigenen Land. Gegen den amtierenden Weltmeister Brasilien. Der offenbar eine Schwäche bei hohen Bällen hat.

Der Mannschaftsbus von Brasilien setzt sich in Bewegung. Ronaldo ist im Krankenhaus. Was wirklich mit ihm passiert ist, weiß niemand. Die Stimmung ist am Boden. Ricardo Setyon, 1998 Pressechef der brasilianischen Delegation, wird sich später an diese Fahrt erinnern: »Zum ersten Mal seit bestimmt 30 Jahren fuhr eine brasilianische Elf ohne Samba-Musik zum Stadion.« Auf jedem Platz in der Kabine liegt ein Foto des vier Jahre zuvor tragisch verunglückten Rennfahrers und Sportidols Ayrton Senna. Darauf eine Widmung post mortem für seine Landsleute: »Wir Brasilianer akzeptieren es nicht, Zweiter zu sein!« Teampsychologe Evandro Motta hat sie dorthin gelegt. Er ist sich selbst nicht ganz sicher, ob der psychologische Taschenspielertrick in dieser Situation seine Wirkung entfaltet.

»Ronaldo sagte: ›Ich werde spielen, Kahlkopf!‹«

Die Franzosen streifen sich ihr Trikot über. Barthez. Lizerazu. Thuram. Deschamps. Heute können sie zu Helden werden. Ein bitterer Moment für Abwehrchef Laurent Blanc. Im Halbfinale ließ er sich vom Kroaten Slaven Bilic im Zweikampf zu einem Wischer gegen des Gegners Kinn hinreißen – weil Bilic zu Boden ging, als habe ihm jemand gegen den Kopf getreten, wurde Blanc des Feldes verwiesen. Zum ersten Mal in seiner Länderspielkarriere. Für das Finale ist er gesperrt.

Noch 60 Minuten bis zum Anstoß. Vor dem Eingang für Spieler und Offizielle im Stade de France hält ein Taxi. Ronaldo steigt aus. »Er war weiß wie ein Stück Papier«, zitiert das »Rund«-Magazin Pressechef Ricardo Setyon in einem Bericht von 2009. »Er sagte: ›Ich werde spielen, Kahlkopf.‹ Ich sagte: ›Du bist verrückt.‹ Er antwortete: »Du bist verrückt, weil du nicht glaubst, dass ich spielen werde.‹« Mit einer kleinen Tasche unter dem Arm kommt Ronaldo in die Kabine. Seine Mitspieler erstarren. Als sie ihm von dem Vorfall in Zimmer 290 erzählen, kann er sich an nichts erinnern.

Auf den Presseplätzen machen es sich die ersten Journalisten bequem. Auf den ausgeteilten Spielberichtbögen fehlt Ronaldo in der Startformation. Hinter dem Namen des Stürmers steht lediglich das Kürzel »n.a.« – not available, nicht verfügbar. Ratlose Gesichter, wohin man auch blickt. Für Ronaldo soll Edmundo auflaufen.

Ronaldo will spielen. Unbedingt. Der Arzt gibt seinen Segen

Die ersten Spieler sind zum Aufwärmen auf dem Platz. Tosender Beifall, als Zinedine Zidane und Kollegen die ersten Pässe verteilen. In den Katakomben sucht Ronaldo das Gespräch mit Mannschaftsarzt Dr. Lidio Toledo. Er will spielen. Unbedingt. Ob die französischen Ärzte etwas gefunden hätten, fragt der Doktor. Nein, alles in Ordnung. Nationaltrainer Mario Zagallo berät sich mit Toledo und bittet dann Spieler und Offizielle in die Kabine. Ronaldo wird auflaufen, verkündet der 66-Jährige. »Ich habe keine Probleme. Ich möchte spielen, und ich werde spielen!«, bestätigt Ronaldo seine überraschende Rückkehr in die Startelf.

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