11FREUNDE-Serie: Mein Lieblingstrikot (9)

Das Trikot, die Sucht und ich

Felix Dachsel war süchtig nach gefälschten Trikots. Er kaufte sie an italienischen Stränden, in griechischen Vorstädten, auf türkischen Märkten. Die meisten verschwanden im Schrank. Eins nicht. Teil neun unserer 11FREUNDE-Serie »Mein Lieblingstrikot«. 11FREUNDE-Serie: Mein Lieblingstrikot (9)

Die Sucht, die verdammte, fing in Italien an, genauer gesagt: in Pisa. Oliver Bierhoff war gerade zum AC Mailand gewechselt und ich guckte mit meinen Eltern den schiefen Turm an. Der Turm war mir egal.  Er war schief, nicht mehr. Was mich faszinierte war ein Händler, der abseits des Turms im Schatten einer Markise saß. Wahrscheinlich rauchte er. Neben ihm reihten sich Kleiderstangen. Darauf hingen dicht an dicht bunte Trikots: das Nationaltrikot Brasiliens, das deutsche Trikot, ein Leibchen von Bayern München und Lazio Rom. Während meine Eltern im Reiseführer blätterten, näherte ich mich dem Mann, der, sobald er mich sah, aus dem Halbschatten trat, um mich herbeizuwinken. Ich ging auf ihn zu. Schritt für Schritt entfernte ich mich von meinen Eltern, ohne mich umzusehen. Er hatte mich am Haken.

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»German? Tedesco?«, fragte er. Bevor ich antworten konnte,  zog der Händler ein Trikot von der Stange und streckte es mir entgegen. Rote und schwarze Streifen. Ein ovales Logo und darüber ein goldener Stern. Auf der Brust ein Schriftzug: Opel. Der Händler drehte das Trikot, so als ob nun das entscheidende Kaufargument folgen würde. Er zeigte mir die Rückseite: Bierhoff, die 20. Ich sah ihn am Strafraum, wie er sich drehte, fast in die Knie ging dabei und schoss: Deutschland ist Europameister! Ich saß auf der Couch bei Familie Majer, weil wir zuhause keinen Fernseher hatten. Zwei Jahre war das her. Als ich aus meinen Erinnerungen auftauchte, stand mein Vater neben mir und zog ein Schein aus seinem Geldbeutel. »Grazie mille«, sagte der Händler. Ich guckte meinen Vater an. Danke Papa.

Blick auf den Bosporus. Die Rufe des Muezzins

In Pisa fing die Sucht an. Die Sucht nach gefälschten, billigen Trikots. Ich kaufte Trikots an italienischen Stränden, in griechischen Vorstädten, auf türkischen Märkten. Vor drei Jahren verbrachte ich zwei Sommermonate in Istanbul. Ich wollte Türkisch lernen. Tagsüber saß ich in klimatisierten Räumen einer Sprachschule. Abends, als sich die Stadt abgekühlt hatte, spielte ich mit Freunden Fußball. Ein Kunstrasenplatz im Flutlicht. Blick auf den Bosporus. Die Rufe des Muezzins. Bevor ich mitspielen konnte, musste ich ein Trikot kaufen, natürlich.

Ich ging über den Bazar. Es roch nach Gewürzen und verbranntem Diesel. Ich guckte mich um nach einem Händler, der mir gab, was ich brauchte: ein Stück Stoff; bedruckt, gefälscht, billig. Ich fand ein weißes Trikot von Besiktas Istanbul. Auf der Brust ein Schriftzug: »cola turka«. Zwei Jahre zuvor hatten Besiktas-Fans den Weltlautstärkerekord aufgestellt. 132 Dezibel. Lauter als ein Presslufthammer. Lauter als ein Düsenjet. Lauter als ein LKW im Stadtverkehr. 

Der Händler drehte das Trikot, so als ob nun das entscheidende Kaufargument folgen würde. Delgado, die 10. Mir fiel nichts ein zu Matías Delgado. Ich kaufte das Trikot trotzdem.  Zwei Monate schwitzte ich es voll. Als ich zurück in Deutschland war, legte ich es in den Schrank zu den anderen. Wenn ich es heute raushole, dann denke ich an Istanbul. Kunstrasenplatz im Flutlicht. Blick auf den Bosporus. Die Rufe des Muezzins. Von der Sucht nach gefälschten Trikots bin ich übrigens geheilt.

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