11FREUNDE-Serie: Mein Lieblingstrikot (7)

Das schwarz-rote Versprechen

11FREUNDE-Serie: Mein Lieblingstrikot (7)

Marius war der Chef der 3c. Ohne Frage. Die Gründe dafür sind an einer Hand abzuzählen: Sein Vater war Zahnarzt, er hatte einen eigenen Raum für seine zahlreichen Mask- und He-Man-Figuren, am Wochenende räumte er auf den Tennisplätzen Niedersachsens sämtliche Trophäen ab und er bekam die ersten Liebesbriefe von der Klassenschönheit Carola. Was er sagte, war Gesetz, obwohl noch niemand von uns wusste, was ein Gesetz eigentlich genau ist. Und: Marius war Anhänger von Eintracht Frankfurt. Ich war Schalke-Fan und ein Niemand.

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Eines Tages, als ich mich in der großen Pause mal wieder für meinen Klub rechtfertigen musste und mir aufgrund der grausamen Mannschaft um Richard Mademann und Egon Flad keine schlüssigen Argumente einfielen, kam Marius mit einem Wort um die Ecke, dass ich noch nie in meinem Leben gehört hatte. »Werde doch Eintracht-Fan«, hauchte er mir zu. Es klang wie ein süßes Versprechen. »Die Mannschaft ist echt cool.« Cool? Wovon zur Hölle sprach dieser Tennisschnösel überhaupt? Ich hatte keine Ahnung – und nickte dennoch als benutzte ich dieses Wort täglich beim Abendessen mit den Eltern. »Mama, das Butterbrot ist cool.«

Ich zerbrach mir tagelang den Kopf darüber, was Marius mit diesem Wortungetüm meinte und fasste einen Entschluss: Um herauszufinden, was cool sei, musste ich diese Eintracht-Mannschaft spielen sehen. Glücklicherweise kam es am folgenden Wochenende zum Duell Frankfurt gegen S04. Es wurde einer der schaurig-schönsten Momente meines noch jungen Lebens, denn Eintracht Frankfurt fegte den FC Schalke mit 5:0 aus dem Waldstadion.

Wehendes Haar, Huftschwünge, Steilpässe – Fußballerotik vom Main

Ich saß mit offenem Mund vor dem heimischen Röhrenfernseher und sah kopfschüttelnd die Sportschau. So etwas Schönes hatte ich tatsächlich noch nie gesehen. Andreas Möller schwebt mit galanten Hüftschwüngen durch das Mittelfeld, Uwe Bein schob seine Steilpässe so genau durch die Abwehr als lägen sie auf Schienen. Dazu das wehende Haar von Lothar Sippel, die schlichte Kaltschnäuzigkeit des bulligen Axel Kruse, die so kompromiss- wie regungslose Abwehrarbeit von Uwe Bindewald und Manfred Binz. Die Schalker schnaubten lediglich hinterher wie ausrangierte Ackergäule. Diese Eintracht spielte den perfekten Fußball. Oder anders gesagt: Diese Eintracht war verdammt cool – zumindest aus der Sicht eines Neunjährigen.

Woche für Woche wartete ich nun am frühen Samstagabend nicht mehr auf das Gerumpel der Königsblauen, sondern  auf das schwarz-rote Versprechen aus Frankfurt. Und ich wurde nicht enttäuscht, denn diese Teufelskerle spielten sich an die Tabellenspitze, zauberten mit Toni Yeboah einen weiteren Derwisch aus dem Hut. Für mich gab es zum Geburtstag nur einen Wunsch: Ein Jersey der Eintracht! Nur dieses Stück Stoff konnte mir die Aura der Coolness verpassen, mich vom Niemand in die Spähren eines Connaisseurs der schönen Lebensdinge katapultieren. Meine Eltern erhörten meinen Wunsch und so konnte ich fortan beim täglichen Kick auf dem Schulhof zumindest äußerlich glänzen. 

Arm in Arm mit Marius

Plötzlich war es ganz einfach: Durch meinen Wandel zur Eintracht wurde ich schlagartig in den inneren Kreis von Marius aufgenommen. Wir waren die Adler-Clique, zogen mit coolen Gang durch die Dorfstraßen, fielen uns montags lachend in die Arme, plauderten von Yeboahs-Volleykracher, Ralf Webers Blutgrätsche, kicherten über die Werder-, Bayern- und Gladbach-Fans, diese Unwissenden, die immer noch ihren Holzertruppen hinterher wimmerten. Ich ergötze mich am Erfolg einer Mannschaft, zu der ich vor wenigen Wochen noch gar kein Verhältnis hatte. Ich labte am Schönen, am Coolen, am süßen Geschmack des Erfolgs und verwandelte mich in einen zweiten Marius.

Diese Arroganz trug mich durch ein ganzes Jahr und sollte seinen Höhepunkt mit dem Gewinn der Meisterschaft am 38. Spieltag finden. Rostock, dieser Absteiger aus dem Osten, würde unter den zürnenden Sturmläufen der Angriffsbeaus Möller, Bein, Yeboah zu Staub zerfallen. Marius lud mich zu sich nach Hause zum Sportschau gucken ein. Er zeigt mir seinen Spielzeugraum, seine Tennispokale, er hatte Cola und Flips aus der Küche stibitzt. Es war das Paradies. Wir beide trugen unsere zweite Haut: die schlichten, schwarz-roten Längsstreifen mit dem Samsung-Schriftzug. Es sollte die ultimative Sause werden. Sie wurde es nicht.

Das Trikot verschwand im Bettkasten

Vor unseren Augen zerbrach die, ach so coole, Eintracht-Elf in seine Einzelteile. Gelähmt vom Druck verspielten Binz und Co. den sicher geglaubten Titel gegen den Abstiegskandidaten aus Rostock. Das Hässliche hatte mal wieder gesiegt. Die Flips schmeckten plötzlich nach Pappe, die Cola brannte im Hals wie glühend heiße Lava, Marius materieller Überfluss bedrückte mich. Ich musste raus aus dem goldenen Käfig und rannte niedergeschlagen aus dem Haus. Zuhause angekommen schlich ich in mein Zimmer, streifte schweigend mein Eintracht-Trikot ab und versteckte es im Bettkasten. 

Nach dem Abendessen schaute ich noch einmal im Videotext nach. Hatte ich mich vielleicht getäuscht? Nein, Rostock - Frankfurt 2:1. Ich schaltete auf die nächste Seite: Schalke - Kaiserslautern 2:0. Torschütze: Egon Flad. Spätestens jetzt ahnte ich: Schönheit und Eleganz zählen im Fußball nichts, wenn man im entscheidenden Moment versagt. Eine Erkenntnis, die sich auch auf meine späteres Leben übertragen lassen sollte: Marius habe ich irgendwann aus den Augen verloren. Es heißt, er habe mit dem Tennisspielen aufgehört, mit dem Schulabschluss soll es auch Probleme gegeben haben. Ob er auch heute noch Eintracht-Fan ist, weiß ich nicht.

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