11FREUNDE-Serie: Mein Lieblingstrikot (3)

Ins Bier geflüchtet

Im Endspurt der Saison 2000/01 präsentierte der FC St. Pauli einen neuen Hauptsponsor. Das Stadtteilbier Astra strahlte plötzlich auf der braun-weißen Brust – und Moritz Herrmann fraß das Logo einer dubiosen Internetfirma von seinem Trikot. 11FREUNDE-Serie: Mein Lieblingstrikot (3)

Der Sommer des Milleniumjahres war harte Arbeit. Die anderen verfreibadeten ihre Ferien, ich fuhr in der Hamburger Hitze verschreibungspflichtige Medikamente aus. Mit dem schmalen Salär der Apotheke und dem üppigen Trinkgeld reicher Alsterwitwen wollte ich mir den Traum vom eigenen Trikot erfüllen. Natürlich, ich war schon im Besitz zweier Hemden des FC St. Pauli, nur waren beide eben Geschenke gewesen, schick zwar, aber nicht selbstgewählt. Ich wollte meiner Spieltagskleidung endlich eigener Herr sein. Es kam der Tag, da keine Münzen mehr in mein Sparschwein, das eigentlich ein Elefant war, passten. Auf heißen Sohlen eilte ich in den Fanshop und griff mir das neue Jersey, ein längsgestreiftes Schmuckstück mit Totenkopf im V-Ausschnitt, Kappa auf der Brust, kurzen Ärmeln und langem Kragen. »Meggle« prangte es nebst der 10 über die Rückseite. Alles war gut.

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Bis, ja, bis im April 2001 Wahrheit wurde, was in den Wochen zuvor schon als Gerücht über den Äther gesprudelt war: »World of Internet«, der Haupt- und Brustsponsor, war pleite, mittellos, tot, aus, am Ende. Beschämt schielte ich auf mein Trikot mit der Saturnreminiszenz der halbgaren Aktiengesellschaft. Auch das Trikot war damit tot, aus, am Ende, das ahnte ich. Die Frage allein, wie es sich gegen den Nachfolger würde behaupten können. Die Antwort: gar nicht. Nur wenige Tage nach dem Schock präsentierte der Kiezclub »Astra« als spontanen Sponsor. »Astra«, die Stadtteilbrauerei. Der jahrelange Stadionbierspender. Das Lokalgebräu, das auch von jenen getrunken wurde, denen es nicht schmeckte, weil es zu St. Pauli gehörte wie das Millerntor. Die Fans jubelten, ich wütete. Sie erkauften sich meinen Neid, ich bekam ihr Mitleid geschenkt. Wie konnten sie mir das antun? Wie konnte sie mir mein erstes eigenes Trikot derart obsolet machen, noch dazu vor Saisonende? Das war wider den natürlichen Lauf der Dinge, wider meinen Verstand, wider mein Verständnis.  

Schlechte Laune, kaum noch Trinkgeld

In den letzten sieben Spielen fuhr die Mannschaft von Dietmar Demuth satte 14 Punkte ein. Es war das Interimstrikot, das dem Ulmer Nebel trotzte, es war das Trikot, in dem Marcel Rath daheim gegen Rot-Weiß Oberhausen einnetzte, dreifach, ein Tor schöner als das andere. Das neue Jersey beflügelte Henning Bürger zu seinem ersten und einzigen Saisontreffer beim 1:0 über Alemannia Aachen. Das Trikot wurde Zeuge der Aufholjagd gegen Hannover 96 (2:2 nach 0:2) und es klebte Deniz Baris am Körper, als der in der 76. Minute des 34. Spieltags mit Lockendschungel zum 2:1 in Nürnberg einschädelte. Das Trikot wurde trotz kurzer Halbwertszeit zum Symbol des sensationellen Aufstiegs, zum Symbol für die Kameradschaft, Kumpelei, kleinen Brötchen und Fannähe jener Saison. Mein Trikot war nur noch Symbol für eine dubiose Internetfirma, die sich verkalkuliert hatte. Ich fühlte mich elend und von der Euphorie, deren Teilhaber ich bis zum Trikotwechsel gewesen war, ausgegrenzt. Auch die reichen Witwen gaben mir kaum noch Trinkgeld, wohl wegen meiner schlechten Laune. Das »Astra«-Trikot war Lieblingsobjekt, weil ich es haben wollte, und Hassobjekt, weil ich es nicht haben konnte.

St.Pauli-Trikot »World of Internet« – Startpreis: 1 Euro

Heute, ein Jahrzehnt später, habe ich meinen Frieden mit dem Stückchen Stoff gemacht. Ich habe sogar versucht, den nunmehr fast schon selten gewordenen Zwirn bei Ebay zu ersteigern, wurde aber ausgestochen. In letzter Sekunde. Das Auktionshaus gab sich alle Mühe, mich zu trösten. Das könnte Ihnen vielleicht auch gefallen, hieß es über einer Liste mit anderen Trikots. Ganz oben: Meine Nemesis mit »World of Internet« auf der Brust. Startpreis 1 Euro. Ich habe nicht geboten.

Das Astra-Trikot in der 11FREUNDE-Bildergalerie >>>

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