11FREUNDE-Serie: Mein Lieblingsspieler (7)

Hart wie Marmon

Als Dirk Gieselmann jung war, war Maradona gut. Doch als Dirk Gieselmann jung war, war er selbst nicht gut, sondern schlecht. Also war nicht Maradona sein Lieblingsspieler, sondern Neale Marmon. Neale WER? Marmon! WER Marmon? Ach. Lesen Sie selbst. 11FREUNDE-Serie: Mein Lieblingsspieler (7)

Vorab eines: Ich möchte mich entschuldigen. Bei meinen Eltern, die Hunderte von Samstagnachmittagen auf Auswärtsfahrt in Asendorf, Bruchhausen-Vilsen und Schwarmstedt verbracht haben, in der immer brüchiger werdenden Hoffnung, aus mir könnte doch noch mehr werden als der, der ich war. Bei meinem Trainer Uli Antrecht, der mir so viel beigebracht hat – allein, ich habe nichts verstanden. Und bei meinen Mitspielern, weil ich, der schweinsbeinige Vorstopper, bei allen Angriffen mit nach vorne eilte, mit gellendem »Hier! Hier! Hier!« den Ball einforderte, ihn aus Mitleid sogar manchmal bekam und dann doch nur kilometerweit neben das Tor in die Ligusterhecke setzte.

Ja, ich möchte mich bei Euch allen entschuldigen. Wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiß – »ich hätte mit 17 meine Schuhe verbrannt« (Klaus Toppmöller).

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Doch immerhin: In einem war ich realistisch – in der Wahl meines Lieblingsspielers. Ich eiferte nicht, wie es in den Achtzigern Mode war, dem Genie Diego Maradona nach, auch nicht Careca, Platini, Rossi oder Litti. Nicht einmal den Nationalzerstörern Förster, Borowka oder Augenthaler. Nein. Ich war Fan von Neale Marmon, dem destruktiven Glatzenmann vom VfL Osnabrück.

169 Spiele hat Neale Marmon für den VfL bestritten – ich aber sah keines davon. Damals existierten weder DSF noch »die beste 2. Liga aller Zeiten«, und mein Vater fuhr immer nur in die andere Richtung, ins Weserstadion zum SV Werder. Und doch wurde Neale Marmon mein Idol. Warum? Ich weiß es selbst nicht mehr, man müsste es erforschen.

Marmon mähte den Rasen und trug danach die schlafenden Fans ins Bett

Vielleicht war es das fehlende Haar, das mich so begeisterte. Auf jedem Mannschaftsbild des VfL im »Kicker-Sonderheft« entdeckte ich Marmon sofort, sein Schädel glänzte zwischen Ulf Metschies, Dietmar Grabotin und dem frühen Ansgar Brinkmann in der Sonne der anbrechenden Saison. Er war einfach immer da mit seiner Glatze. Das hatte etwas Verlässliches, beinah Väterliches – zumal er auch noch meinem Papa ähnlich sah, der ebenfalls nichts mehr zu kämmen hatte. Neale Marmon, da war ich mir sicher, mähte den Rasen an der Bremer Brücke noch eigenhändig und trug danach die schlafenden Fans ins Bett.

Vielleicht war es aber auch dieser seltsame Vorname. Dass er Engländer war, der Sohn eines in Deutschland stationierten Offiziers, wusste ich damals nicht, weil ich nicht wusste, dass es England überhaupt gab. Ich sagte nicht »Niel«, sondern »Ne-Ale«, in den seltenen Unterhaltungen, die sich über diesen nahezu unbekannten Spieler ergaben. Dazu der Nachname: Marmon. So hätten in meinen Kinderbüchern Phantasiewesen geheißen, die aus Marmor bestehen. Ich ahnte: Ne-Ale Marmon musste verdammt hart sein.

Kick ohne Rush, das war Marmons Konzept

Und das war er wohl auch. Ein kompromissloser Abwehrchef, der – wie ich! – den Ball wegdrosch, wenn es sein musste. Und sein musste es eigentlich immer, damals in »Osna«. Kick ohne Rush, das war Marmons Konzept. Hätte es bewegte Bilder von seiner Arbeit als Ausputzer gegeben und hätte ich überdies gewusst, dass er nebenbei erfolgreicher Basketballer und niedersächsischer Meister im Lagenschwimmen war, meine Bewunderung für ihn wäre ins Unermessliche gewachsen. Ich aber wusste so gut wie nichts über ihn. Umso erstaunlicher, dass ich ihn überhaupt bewunderte.

Auch bei seinem größtem Erfolg, einem 4:2 im Pokal mit dem FC Homburg gegen den FC Bayern, war ich leider nicht zugegen. Danach verlor ich ihn gänzlich aus den Augen, seine leuchtende Glatze fehlte ab 1992 in allen Sonderheften. Heute trainiert Neale Marmon, mittlerweile 50 Jahre alt, den SG Schwemlingen/Tünsdorf/Ballern, einen Minderligisten aus dem Saarland.

Sollte er dies lesen: Ich möchte mich auch bei ihm entschuldigen. Selbst er, der halbvergessene Glatzenmann mit dem seltsamen Namen, hätte bessere Bewunderer verdient als mich.

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