10.05.2012

11FREUNDE-Leser über die Auswärtsfahrt ihres Lebens

Hilfe, die Schalker kommen!

Europa-League-Finale ohne deutsche Beteilung? Macht nix. Schwelgen wir lieber mit 11FREUNDE-Leser Markus Lorke in seligen Erinnerungen an den Schalker Endspiel-Triumph von 1997. Mailänder Dom, Domplatz und Kneipen am Dom inklusive!

Text:
Markus Lorke
Bild:
Privat

Der eigentliche Beginn, bzw. Auslöser dieser Auswärtsfahrt liegt circa zwanzig Jahre vor dem eigentlichen Antritt zurück, als das Schicksal mir den Schalke 04 als Verein zuwies. Meine Eltern hatten eine Fußballkneipe in im Gelsenkirchener Fußballkreis liegenden Gladbeck und somit waren die Würfel gefallen, da unter den Gästen, abgesehen von ein paar Gladbachern, ausschließlich Schalker von der eingefleischten Sorte verkehrten.

Ich folgte also ab Mitte der Siebziger der Achterbahnfahrt durch die Jahrzehnte. Vizemeisterschaft 1977, Abstieg 1979, Wiederaufstieg 1980 und so weiter, bis sich dann Ende 1996 Schalke nach gut zwanzig Jahren Abwesenheit erstmals wieder für den UEFA-Cup qualifizierte.

Magdeburg, Neapel oder Molenbeek

Für uns Jüngere war das durchaus etwas Besonderes. In den Siebzigern war mein Vater zu den UEFA-Cup-Spielen gegen Magdeburg, Neapel oder Molenbeek gefahren, war aber vernünftigerweise nicht auf die Idee gekommen sich mit einem Kind im Schlepptau zu belasten.

Wir sahen dem ersten Spiel gegen Kerkrade mit großer Freude entgegen und die Mannschaft, damals noch unter Jörg Berger, löste die Heimaufgabe souverän 3:0 und auch auswärts gab es ein nicht uninteressantes 1:1. Das Kerkradespiel hatte insofern noch eine gewisse Bedeutung, weil der Trainer von Kerkrade ein gewisser Huub Stevens war und, nachdem Schalke Jörg Berger entlassen hatte, bald drauf als neuer Trainer in Gelsenkirchen vorgestellt wurde. Stevens dürfte damit der einzige Trainer in der Geschichte sein, der der den UEFA-Cup gewann hat, obwohl er zuvor bereits ausgeschieden war.

Inter hatte Bergomi und Sforza. Wir hatten Wilmots und Thon.

Die Europacupsaison war wie ein Traum. Mit dem absoluten Highlight der Finalspiele. Der in den Achtzigern in die Bedeutungslosigkeit abgerutschte FC Schalke 04 gegen Inter Mailand, ein Weltklub, der bis zu diesem Zeitpunkt den UEFA-Cup ebenso zweimal gewonnen hatten, wie den Europapokal der Landesmeister, wobei der letzte Erfolg im UEFA-Cup nur drei Jahre zurücklag.

Zudem traten die Italiener mit einer mit internationalen Stars wie Youri Djorkaeff, Ciriaco Sforza oder Giuseppe Bergomi gespickten Mannschaft an, während Schalke mit Weltmeister Olaf Thon und dem Belgier Marc Wilmots nur zwei Spieler von ähnlichem Renommee aufzuweisen hatte.

Das Hinspiel fand im Gelsenkirchener Parkstadion statt und vor mit 57.000 Zuschauern ausverkauftem Haus stand, wie von Trainer Huub Stevens vorgegeben, gegen verhalten auftretende Italiener die Null, zudem sicherte Marc Wilmots mit einem Weitschuss nach 70 Minuten einen kleinen Vorsprung für das Rückspiel.

Die Sache war eigentlich klar. 1990 hatte ich mich durch unnötiges Zögern um das WM-Endspiel in Rom gebracht und diesmal wollte ich mit zum Endspiel, komme was da wolle.

Wenig erstaunlich war die Mitfahrbereitschaft in meinem Umfeld. Im Prinzip habe ich jeden, aber auch wirklich jeden, den ich in irgendeiner Form vorher als Schalkefan kennen gelernt hatte, in Mailand getroffen. Darunter einen Mann, den ich das erste und einzige Mal in meinem Leben nüchtern erlebte. Aber wie sagte – nennen wir ihn »Falcao«, ein Bergmann von altem Schrot und besonders Korn – »Heute will ich das Spiel sehen!«

200 DM für die Finalkarte. Pro Nase

Da die meisten Leute, wenn sie nicht über den Fanclubverband buchten, sich selber um Fahrgelegenheiten kümmerten (einer Legende nach gab es um den 21. Mai 1997 herum keine Leihautos mehr in Gelsenkirchen) waren wir letztendlich nur zu dritt. Ich, meine Frau und mein langjähriger Freund und Tribünennachbar Reinhard.

Karten hatte ich über eine Nürnberger Ticketagentur besorgt, für stolze 200 DM das Stück. Damals, zu Zeiten, als ein Sitzplatz auf der Gegengerade bei 20 DM lag, durchaus ein stolzer Preis, nach heutigen Maßstäben eher ein Schnäppchen. Der gute Mann schien die Karten direkt vor Ort beim Schwarzhändler seines Vertrauens besorgt zu haben, denn wie sich später rausstellte, lagen die Sitze direkt im Mailänder Ultrablock, aber davon später. Vor dem Stadion liefen jedenfalls genug Schwarzhändler herum, die jedem, der irgendwie deutsch aussah, sofort Karten anboten.

Die alte Liebe Golf II Diesel

Als Vehikel für die 1000 Kilometer Fahrtstrecke hatten wir meinen alten Golf II Diesel ausgesucht, ein praktisch unverwüstlicher Panzer, der auch vom Verbrauch bei durchaus angenehmen zehn Litern lag, 1997 ein echtes Ökoauto. Ich hing irgendwie an der Karre und so war mein größtes Problem dann auch die Angst, dass das Ding in Italien ganz schnell ohne mein Wissen einen neuen Besitzer finden konnte. Doch es stellte sich bald schnell heraus, dass die Angst unbegründet war. Ich hatte den Wagen so geparkt, dass ich ihn aus dem vorab gebuchten Hotelzimmer im Auge behalten konnte. Kaum hatte ich die Koffer aufs Bett geworfen, war das Schmuckstück dermaßen zugeparkt, dass man nur mit Bordmitteln den Standort nicht mehr verlassen konnte. Ein paar Minuten später erhöhte sich die Sicherheit noch weiter, als sich ein Pärchen, in Ermangelung eines eigenen Fahrzeuges, auf meinem in wilder Knutscherei herum fläzte.

Wir absolvierten des Abends und am Mittwoch-Vormittag das Mailand-Erstbesucher-Touri-Programm. Also Dom, Domplatz, Einkaufspassagen am Dom und Kneipen am Dom und je weiter der Tag voranschritt, desto mehr füllte sich Mailand mit blauweißen Scharen, die Flugzeuge, Bahnen und Busse ununterbrochen in die Innenstadt spuckten.

Am Ende dürften es so um die 25.000 Deutsche gewesen sein, genug um vom der »Invasione tedesca« in den italienischen Fernsehnachrichten zu berichten.
Besonders haften blieben die kleinen, etwas altertümlich wirkenden Straßenbahnen, die voll besetzt mit singenden Schalkern, die Fahnen aus den Fenstern ragend, zum Domplatz gefahren kamen, der sich fest in königsblauer Hand befindende Brunnen auf dem Domplatz, und das von einem tausendfachen Chor gebrüllten »FINALEEE« in der glasüberdachten Passage am Dom – einfach unglaublich für Leute wie mich, die Meppen und Schweinfurt gesehen und nicht mehr an Besseres als die norddeutsche Tiefebene erwartet hatten.

Wein, Sekt und schweineteurer Essig

Sehr nett waren vor allem die Milan-Fans, die sich, da es gegen ihren Konkurrenten ging auf unsere Seite schlugen. Auf dem Weg zum Hotel hatte uns bereits ein Schwarzroter erkannt, angesprochen und uns dann zu unserem Hotel geleitet, einen Service, den man auf Auswärtsfahrten eher selten genießt. Später wurde uns quasi an jeder Ecke freundlich zugenickt, in einem Restaurant kam es sogar zu einer Art Verbrüderung, in deren Verlauf wir Schal gegen Kopftuch eintauschen konnten. Naja, der Gedanke zählt.

Ein letztes Schmankerl gab es noch auf dem Rückweg zum Hotel. Meine Frau wollte unbedingt italienischen Wein mitnehmen, weshalb wir bei einem Weinhändler enkehrte, bei dem ich mich, nachdem ich bei einigen Flaschen die Preisschilder von einer Million Lire (damals 1000 DM) gesehen hatte, nur noch sehr vorsichtig bewegte. Aus dem Geschäftlichen hielt ich mich als Biertrinker heraus und ließ die vermeintlichen Experten machen, die für beide Parteien jeweils drei Flaschen kauften.

Erst bei der Verköstigung in der Heimat mussten wir feststellen, dass wir neben einer Flasche Wein und einer Pulle Sekt auch noch eine Flasche schweineteuren Essig erworben hatten! Ich weiß schon, warum ich lieber Bier trinke.

Der Abend war mittlerweile angebrochen und wir zogen nun Richtung San Siro. Zu unseren Plätzen ließen uns die Carabinieri erst gar nicht hin, dafür wurden alle erkennbaren Schalker auf dem Unterrang unter den Inter-Ultras platziert, die die Gelegenheit nutzten und uns mit allem was zur Hand war bewarfen. Vor allem die Raucher freuten sich über die zahlreichen geschenkten Feuerzeuge.

Wilmots! Zamorano! Fresi! Oliver Held!

Die Mannschaften kamen aufs Feld und man konnte deutlich sehen, wie beeindruckt unser Team von der schieren Anzahl, der sie begleitenden Fans war. Das Spiel begann und ich muss gestehen, dass ich mich an die 120 Minuten Spielzeit nur noch in aufblitzenden Momenten erinnern kann. War es das Adrenalin, das an diesem Abend die Luft von San Siro schwängerte? War es die Hitze oder das eine oder andere Bier des Nachmittags?

Was geblieben ist: Marc Wilmots, der eine der wenigen Schalker Chancen vergab. Das Inter-Tor durch Zamorano, das eine beeindruckende Soundkulisse erzeugte. Die rote Karte für Fresi kurz vor Ende der regulären Spielzeit, und die damit verbundene numerische Überlegenheit, an die wir unsere Hoffnungen knüpften und schließlich die Einwechslung von Oliver Held, an der allerdings wenig bis keine Hoffnung hingen.

Die Verlängerung endete ohne ein weiteres Tor, es folgte der ultimative Show-down: Elfmeterschießen, auf das unserer Kurve gegenüberliegende Tor.

Schalke begann und Ingo Anderbrügge nagelte den Ball in gewohnter Manier unhaltbar in die Maschen. Zamorano hieß der erste Schütze für Inter, aber ein schon damals mit Zetteln gut versorgter Jens Lehmann angelte das Leder aus der Ecke. Wir lagen vorne!

Nächster Schütze war Olaf Thon. Der Kapitän. Der Weltmeister. Anlauf, Schuß, Tor, Feddich. 2:0.

Lehmanns Psychotrick gegen Winter

Danach der erste und einzige Rückschlag im Elfmeterschießen: Youri Djorkaeff traf sicher. Aber im Gegenzug legte Torjäger Martin Max wieder nach, 3:1.
Und dann kam Aron Winter. Erst später habe ich gelesen, dass Lehmann Winter kurz vor dessen Schuss mitgeteilt hatte, dass er stehen bleiben werde. Dieser Psychotrick wirkte. Winter schoss daneben.

Wir waren ganz nah dran. Nur noch ein Treffer von Marc »Kampfschwein« Wilmots fehlte zum Happyend.

Wilmots lief an, täuschte Torhüter Pagliuca und wie in Zeitlupe rollte der Ball vom Schützen aus links gesehen ohne Hast über die Linie, während ein jubelnder Wilmots bereits Richtung Mannschaft abdrehte. Ein Jubel-Orkan erhob sich um uns herum, bengalische Feuer tauchten die Jubelszenen in ein magisches rotes Licht und wildfremde Menschen sanken sich im Leuchten des gewonnenen Pokals vereint in die Arme.

Es dauerte Stunden, bis wir aus dem Stadion durften, aber es war uns egal. Die Mannschaft kam zum Feiern in die Kurve und die Italiener flohen aus dem Rund. Es war spät, wir waren müde und es war nichts zu trinken aufzutreiben, so dass wir schließlich den größten Erfolg der Vereinsgeschichte mit zwei Bieren aus der Minibar auf dem Hotelzimmer feiern mussten.

Magische Gegenstände für den Underdog

Am nächsten Tag zogen wir im Triumphzug gen Heimat. Die einzigen, die dem Treiben mit Misstrauen begegneten, waren die Schweizer Grenzer, die die einzige intensivere Kontrolle bei den vier Grenzübertritten dieser Fahrt bei der Ausfahrt nach Deutschland vornahmen. Als ob wir irgendwelche unerlaubten magische Gegenstände, die dem Underdog den Sieg beschert hatten, mit zurückschmuggeln wollten.

Unvergessen bleibt auch die erste Raststätte auf deutschem Boden, ein recht großer Laden mit einer Glaskuppel, der, wie konnte es auch anders sein, voll mit Schalkern war, die sich irgendwann gemeinsam erhoben und ein lautstarkes »FINALE« anstimmten. Gänsehaut pur.

 
 
 
 
 
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