11FREUNDE #119: Begegnung mit Matthias Sammer

»Roland Kaiser gegen den Trend«

Für die neue Ausgabe von 11FREUNDE trafen wir Matthias Sammer zum großen Interview des Monats. Der DFB-Sportdirektor hatte die Haare kurz, die Kleidung lässig und die Zunge locker. Eine Begegnung der ganz besonderen Art. 11FREUNDE #119: Begegnung mit Matthias SammerJulian Baumann
Heft#119 10/2011
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Er hat die Haare ab. Man muss zweimal hinsehen, um in dem Milchgesicht, das an der Hauptstraße des noblen Münchner Vororts Grünwald aus einem Geländewagen hüpft, den Sportdirektor des DFB wiederzuerkennen. Der Feuerkopf ist auf Millimeterlänge gestutzt. Matthias Sammer hat festgestellt, dass bei seinem nachlassenden Haarwuchs ein Friseurbesuch rausgeschmissenes Geld ist. Denn es dauert nur ein paar Tage und der vom Fachmann penibel durchstufte Schnitt ist rausgewachsen. Also hat sich der streitbare Funktionär eine Haarschneidemaschine besorgt und legt nun selbst Hand an. Mit den Füßen war er stets ein Filigrantechniker, mit den Händen ist da noch Luft nach oben.

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Ein letzter Sommertag in Bayern. Im weißen T-Shirt und Military-Shorts klatscht Sammer die Kellner in dem italienischen Restaurant ab, die gelangweilt am Tresen lehnen. Seine Beine stecken in Füßlingen, die wiederum in den lässig offen gelassenen Sneakern des traditionellen Premiumpartners des Fußballbundes. Er sieht aus wie ein in die Jahre gekommener Profi. Als hätte ein Zweitliga-Klub den Routinier in blanker Abstiegspanik nochmal kurzfristig reaktiviert.

Bussi-Bussi gegen die Leere der Neureichenexistenz

Wenn München ein Erlebnispark wäre, in dem reiche Leute das echte Leben nachspielen, ist Grünwald wie eine endlose Fahrt im Kettenkarussel. In der Schwerelosigkeit verfliegen alle Sorgen, solange man nicht merkt, dass sich alles bloß im Kreis dreht. Bussi-Bussi gegen die Leere der Neureichenexistenz. »Sie schreiben aber schon den Namen unserer Bar in ihrem Heft, wenn Sie das Interview hier machen!?!«, bellt der Tender über das triebtäterhafte Röcheln seiner Expressomaschine. In Grünwald ist selbst der Mann, der die Eisbällchen mit dem Portionierer formt, ein kleiner Star. Dienstleistung muss schließlich nicht immer aktiv erfolgen.

Für gewöhnlich stochern hier um die Mittagszeit die Bayern-Stars in ihren Rucolasalaten. Aber heute ist trainingsfrei und der Fußballadel bleibt daheim. Grünwald ist ein Ort, an dem Welt ein kleines bisschen besser ist – wenn man es sich leisten kann. »Aber«, erzählt die Taxifahrerin, »die Russen sind im Anmarsch.« Osteuropa okkupiert das Reichen-Ghetto allmählich. Der Exodus hat begonnen. »Die ersten ziehen schon weg.«

»Wir werden doch sowieso abgehört!«

Matthias Sammer nicht. Schließlich kommt ja auch er irgendwie aus dem Osten. Er war beim letzten DDR-Länderspiel dabei, schoß sogar noch zwei Tore. Er erzählt, wie sein Vater einst den langerwarteten Telefonanschluss im untergegangenen sozialistischen Staat mit den Worten ablehnte: »Wir werden doch sowieso abgehört!« Beim DFB hat man ihn vor kurzem dezent darauf hingewiesen, dass er in seiner Position vielleicht nicht ganz so meinungsfreudig sein sollte. Ganz dezent, ganz lieb, habe man ihm das mitgeteilt. Doch bei uns muss niemand einen Maulkorb tragen. Jeder darf seine Meinung frei und offen äußern. Und das tut Sammer. Er nimmt sich Zeit, Werbung für seine Sache zu machen – »die Nachwucharbeit bekommt nicht genug Aufmerksamkeit« – und lässt keine Frage unbeantwortet, auch wenn mal eine gemeine dabei ist. Wir erfahren, dass Ohrringe bei den U-Nationalspielern verboten sind und Horst Hrubesch ein aufrechter Mann ist, der die Jungen hinkriegt, wie außer ihm kein anderer. Auch Sammer scheint ein ehrlicher Typ zu sein. Im Rechtsstaat erfolgt Kontrolle eben nicht im Geheimen, sondern nachgelagert unter dem fröhlichen Siegel »Freigabe«.

Er mochte Roland Kaiser – ein Akt des zivilen Ungehorsams

Einst hat er mit dem Bekenntnis, die Musik von Roland Kaiser zu mögen, sein Image unfreiwillig irgendwo zwischen Kaffeefahrt und Bausparvertrag verortet. Heute gibt er zu, dass er diese Äußerung als anzyklisch verstanden haben wollte, weil im wiedervereinigten Deutschland dem Schlager zur damaligen Zeit viel Unrechtes geschah. Das war zu seiner großen Zeit Anfang der Neunziger. Ein Akt des zivilen Ungehorsams. Kurz darauf gab es ein Schlagerrevival und Sammer wurde Europameister. Heute kennt er auch die Hits von Lady Gaga und Kate Perry auswendig.

Sammer ist ein Punk, wenn man so will. Obwohl er weiß, dass er fotografiert wird, erscheint er in Shorts und Hemdchen, mit selbstgeschorener Glatze. Die Welt hätte ihn im Anzug erwartet, weil ein DFB-Direktor nun mal so aussieht. Er nicht. Antizyklisch stellt er sich im Freibadlook auf eine Lichtung im Grünwalder Gehölz und blickt wie ein scheues Reh. Sieht so der kühle Abteilungschef des größten Sportverbands der Welt aus? In der neuen Ausgabe von 11FREUNDE kann sich der Leser ein eigenes Bild davon verschaffen.


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