11FREUNDE #104, Titelgeschichte

Ist Fußball Pop?

Für 11FREUNDE #104 (ab heute im Handel) ging unser Autor Ulrich von Berg in die Vorhölle: Er begab sich auf eine Reise zu den Anfängen der seltsamen Beziehung zwischen Fußball und Pop – und fand nicht nur gute Musik. 11FREUNDE #104, Titelgeschichte
Heft#104 07/2010
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Gleich im Eingangsbereich des Elektronikgroßmarkts steht ein Tisch, auf dem das Folterwerkzeug feilgeboten wird, das der anständige deutsche Fan braucht. Es trägt unheilverkündende Titel wie »Fetenhits – Fußball WM 2010«, »WM Rockparty 2010«, »Fußball Hits – die Deutschen«, »Halbzeit – WM Hits 2010» oder auch »Die ultimative Chart Show – Die erfolgreichsten Fußball-Hits aller Zeiten«. Auch »Listen Up! The Official 2010 FIFA World Cup Album« ist stapelweise präsent und mit »Goleo Presents His 2006 World Cup Hits« wird, da Unterschiede eh nicht auszumachen sind, auch schon Bewährtes aufgewärmt. Die Cover ähneln sich, die Titel überschneiden sich zuhauf, die Dreierbox »Football Anthems – 100 Hits« nennt teilweise gar keine Interpretennamen. Hört sich ja sowieso alles gleich an. Genormter, zynischerweise als Unterhaltung deklarierter Klangmüll. Erbarmungslos wird eines der Machwerke jetzt auch noch aufgelegt und sofort strömen Kaufwillige herbei. Was man noch aufschnappt, bevor man den Ort des Schreckens fluchtartig verlässt, hat mit unserem alten Schlager zu tun, mit Jahrmarkt, Kirmes und Bierzelt, mit den Niederungen des rheinischen Faschings, den Exzessen am Ballermann, auch mit Marschmusik, am meisten, wie alles und nichts heutzutage, aber mit dem, was aus der Popmusik inzwischen geworden ist.

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Pop & Fußball: Was schon früher bestenfalls eine Liaison der Irritation und Missverständnisse gewesen ist, obwohl diese beiden, neben dem Kino, wohl gefühlsintensivsten Spielarten der populären Massenkultur im Idealfall eine Synthese aus Kunst und Entertainment eingehen und eigentlich alles bieten, was der Mensch an Identifikationsangeboten braucht, ist verkommen zu einem schäbigen Nuttengeschäft, bei dem schon gar keine Rolle mehr spielt, wer der Freier und wer der Zuhälter ist.

Fußball sei längst schon Teil der Popkultur. So dozieren immer mal wieder kluge Leute und weniger kluge plappern es nach. Wenn alles, was in den Alltag der Menschen hineinwirkt und der breiten Masse oberflächlichen Spaß bereitet, der Popkultur zugehörig ist, dann ist dem sicher so. Aber man könnte auch fragen, ob es heute eigentlich auch noch eine andere Kultur gibt. Denn Popkultur ist mittlerweile doch alles, was mehr als eine Handvoll Leute interessiert. Wie also wurde der Fußball, der vor einem halben Jahrhundert definitiv noch nicht zur Popkultur gehörte, in konzertierten Aktionen, die mal den Charakter von handstreichartigen Übernahmen und mal den schleichender Unterwanderung hatten, von der Popkultur vereinnahmt.

Das Sommermärchen – ein Einblick in die Vorhölle

Sturmreif geschossen wurde die nur noch wenig abwehrbereite Festung Fußball vor rund 25 Jahren, aber die Erstürmung der Bastion hatte natürlich eine längere Vorgeschichte. Die durch die Totalvermarktung bedingten Exzesse, die heute die Form blanken Terrors angenommen haben, wären ohne die Einführung des Privatfernsehens, dessen Sittenverfall sich die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten schnell anzupassen wussten, undenkbar gewesen. Darüber, dass das Fernsehen in seiner Gesamtwirkung heute nur noch ein gigantischer Verblödungsapparat ist, gibt es ausgezeichnete Fachliteratur. Man muss das an dieser Stelle nicht im Detail thematisierten, aber es ist die Kulisse, vor der gespielt wird.

Mitte der achtziger Jahre traten die Privatsender auf den Plan und begannen, sich den Fußball zügig einzuverleiben. 15 Jahre Aufbauarbeit, in denen freilich die immer boulevardesker betriebene Berichterstattung über die Bundesliga mehr und mehr mit popkulturellem Zierrat (Musik, Bildästhetik und Montagetempo der Videoclips) aufgepeppt wurde, genügten, bis jenes Großevent der Geschmacksverirrung inszeniert werden konnte, das manche euphemistisch »Sommermärchen« nannten, das in Wahrheit aber ein Einblick in die Vorhölle war.

Es galt mitzumachen, wo alle mitmachen; vorzugeben, man sei mächtig an Fußball interessiert, weil es eben alle anderen auch sind; in seltsam genormter Kostümierung zum Public Viewing zu rennen; die WM-Hymnen fünftklassiger Bands, die man in geschmackssicheren Zeiten innerhalb von Minuten aus jedem Tanzschuppen geprügelt hätte, mitzugrölen.


Für besonnenere Gemüter hatte das etwas beängstigend Zwanghaftes, nicht weil es mit dem Herzeigen nationaler Symbole einherging, sondern weil es so forciert, gelenkt und unecht wirkte. Und das gilt für die verzückt kreischenden kleinen Mädchen, denen man auch hätte erzählen können, hier gehe es um Völkerball, ebenso wie für das geschlechtslose, sich im eigenen Körper sichtlich unwohl fühlende Wesen, das damals wie heute das Kanzleramt bewohnt und dem die Beraterscharen eingetrichtert hatten, dass es sich unbedingt auch mal in einem WM-Stadion blicken lassen muss, weil man sonst in den Beliebtheitscharts der Politiker abkackt. Überhaupt die Politiker, von denen sich längst keiner mehr traut, sich nicht an den Fußball ranzuwanzen.

»Gell, 's Schweini ist süß?«


Das eigentlich Erschreckende aber ist, dass wir, auch wenn wir es uns einreden, selbst nicht völlig immun sind gegen die Sedierung, die als never ending party daherkommt, dass wir die verführerische Sogkraft spüren, die von dem Irrsinn ausgeht. Warum nicht auch dazugehören (was ja ein zutiefst menschliches Verlangen ist), das Hirn am Eingang der Fanmeile freiwillig abgeben und sich in die Heerscharen der willenlosen Zombies einreihen – es tut bestimmt auch nicht weh. Und allerspätestens als unsereins zu dieser Zeit von der damals etwa zwölfjährigen Nachbarstochter mit der Frage »Gell, 's Schweini ist süß?« behelligt wurde und ihr weiteres Gestammel nur dahingehend zu enträtseln war, dass sie nicht ihr neues Meerschweinchen meint, war klar, dass grundsätzlich etwas mit der Art und Weise im Argen liegt, wie den Menschen Fußball nahe gebracht wird.

Früher war bekanntlich nicht nur alles besser, sondern auch viel einfacher und übersichtlicher. Da gab es Menschen, sehr viele Menschen sogar, die interessierten sich für Fußball und es gab welche, auch nicht gerade wenige, denen war Fußball ziemlich egal. Beide Fraktionen, die zusammen bestimmt 80% der Bevölkerung ausmachten, ließen sich gegenseitig weitgehend in Ruhe und versuchten nicht zu missionieren. Probleme machten lediglich zwei Minderheiten. Einerseits jene konservativen Spießer aus dem gehobenen Bildungsbürgertum, die Fußball dünkelhaft als Betätigungsfeld für ungehobelte Proleten abtaten.

Hierzu zählten bis in die siebziger Jahre hinein weite Teile der Lehrerschaft, die an sportlicher Betätigung gerade das allseits verhasste Geräteturnen durchgehen ließen und ansonsten zur Lektüre eines guten Buches rieten. Und, zweitens, jene Linken, die unter dem Einfluss der Kulturkritik der Frankfurter Schule meinten, sich dem Fußball genau wie der Rock- und Popmusik verweigern zu müssen. Weil beides ja nur zur ideologischen Verblendung der Massen von den bösen Kräften des Spätkapitalismus in die Welt gesetzt worden war.

Viele altlinke Größen mimen heute den Edelfan

Kurz, es ist noch gar nicht so lange her, dass gegen den Fußball und das Begeisterungspotential seiner Anhänger von zwei Seiten gehörig gehetzt wurde. Der seinerzeit in den entsprechenden Kreisen extrem angesagte Politbarde Franz Josef Degenhardt brachte in seinem Lied »Deutscher Sonntag« folgende Zeilen zu Gehör: »Dann geht’s zu den Schlachtfeldstätten, um im Geiste mitzutreten, mitzuschießen, mitzustechen, sich für wochentags zu rächen; um im Chor Worte zu röhren, die beim Gottesdienst nur stören. Schinkenspeckgesichter lachen, treuherzig, weil Knochen krachen ...« Der Stadionbesucher sah also nicht nur aus wie ein von Otto Dix gemaltes Zerrbild deutschen Kleinbürgertums, er war auch sadistisch veranlagt und ein verkappter Faschist. Mindestens. Die alten Bildungsspießer sind inzwischen weggestorben. Viele altlinke Größen, die früher zu den vehementesten Fußballverächtern zählten, haben im Lauf der achtziger und neunziger Jahre noch den Sprung aufs Trittbrett des rasenden Zuges gewagt und mimen heute den Edelfan.

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