10 Vereine, die sich neu gründeten

Noch mal von vorn

In Zeiten der Finanzkrise hat sich ein neues Trendhobby entwickelt: Ganz von vorne anfangen. So haben es auch in der Vergangenheit schon die wackeren Fußballvereine getan, deren Geschichte wir hier erzählen.  10 Vereine, die sich neu gründetenImago
Heft #87 02/2009
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1.FC Lokomotive Leipzig

In keiner Hitliste der Vereine, die neu anfangen mussten,  darf der 1.FC Lok Leipzig fehlen. Die von einer teils extremistisch ausgelebten Rivalität zwischen den beiden Platzhirschen Lok und Sachsen Leipzig geprägte Leipziger Vereinslandschaft, stellt sich ein wenig klarer dar, wenn man die Historie der beiden Vereine betrachtet. Nach dem zweiten Weltkrieg löste die sowjetische Besatzungsmacht alle bestehenden Vereine auf, so dass ehemalige VfB Leipzig-Spieler - dem bis dato erfolgreichsten Leipziger Verein - die »SG Probstheida« gründeten.

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Nach weiteren Umbenennungen und Fusionen fiel dem DDR-Fußballverband 1963 ein, dass man eine Mannschaft haben wollte, die auch international mithalten kann. Zu diesem Zweck wurden die besten Leipziger Kicker dem SC Leipzig zugeführt und die anderen zur eigens gegründeten BSG Chemie abgeschoben. Die so entstandene Zweiklassengesellschaft ist wohl der Hauptgrund für das noch heute gelebte Hassverhältnis. Der Plan aber mit dem SC Leipzig einen Klub von internationalem Format zu formen, ging nach hinten los. Nicht der SC, sondern die BSG heimste den Erfolg ein. Gleich im ersten Jahr des Bestehens holte die BSG die Meisterschaft, der SC hingegen wurde drei Jahre später wieder in den Boden gestampft und im selben Jahr durch den FC Lokomotive ersetzt. Es folgten die erfolgreichsten Jahre der Vereinsgeschichte, in denen man – unterstützt von der Deutschen Reichsbahn - hinter Dynamo Dresden und Carl Zeiss Jena zum erfolgreichsten DDR-Klub wurde. Als drei Jahrzehnte später aber, kurz nach der Wende, der Aufstieg in die zweite Bundesliga gelang, nannte man den Klub wieder VfB Leipzig, um den muffigen Ostnamen los zu werden. Daran, dass dieser Verein schließlich nach einigen Gastspielen in den beiden oberen Etagen 2003 Pleite ging und aufgelöst wurde, können sich nun auch die jüngeren Semester erinnern. Somit kam die »Loksche« zu einer Auferstehung, denn noch bevor der VfB endgültig abgewickelt war, gründeten einige Fans des Klubs den FC Lok neu. Von den sage und schreibe elf Gründungsmitgliedern wurde der vormalige Fanbeauftragte des VfB, Steffen Kubald, zum Vorsitzenden gewählt. Der Spielbetrieb wurde in Liga elf aufgenommen, was die Möglichkeit zu einem Eintrag in das Guiness-Buch der Rekorde bot. Am neunten Oktober 2004 kamen 12.421 Zuschauer zum Spiel gegen Eintracht Großdeuben II, was den Zuschauerweltrekord bei einem Punktspiel in der niedrigsten nationalen Spielklasse bedeutete.

BSG Chemie Leipzig

Leipzig ist das wohl heikelste Pflaster im deutschen Fußball. Die Fanlager der Vereine sind extrem politisiert. Während sich unter den Lok Fans Rechtsextreme tummeln sind die BSG Anhänger dem linken Milieu zuzuordnen. Die Renaissance des 1.FC Lok, nach dem Konkurs des Vorgängervereins VfB Leipzig eher eine Notgeburt, stiftete einer Hälfte der Stadt eine neue Identität und brachte dem Verein den dringend benötigten Popularitätsschub. Anlass genug für die Ultras des im (maßlos überdimensionierten)  Zentralstadion spielenden FC Sachsen, vom Feind zu lernen und sich auch auf den Glanz der Vergangenheit zu berufen. Die »neue« BSG Chemie wurde 2008 in den Spielbetrieb eingegliedert und spricht seither dem FC Sachsen das Recht ab, der legitime Nachfolger der »alten« BSG Chemie sein. So zerpflückt sich die Vereinslandschaft in Leipzig weiter. Während die »alte« BSG immer der Verein der Arbeiter und Oppositionellen gewesen ist, erfuhr der Konkurrent die größere (finanzielle) Zuwendung der SED-Regierung. Dieses lange bestehende Gefüge änderte sich erst in den letzten Jahren, als durch die Konkurse des VfB nur noch der FC Sachsen Leipzig »förderungswürdig« war. So kommt es zum Beispiel, dass der Verein seine Heimspiele in der WM-Arena austragen darf. Die Ultras von Sachsen Leipzig veranlasste die neue Empfängnisbereitschaft des Vereins dazu die Tradition der BSG Chemie für sich zu reklamieren und einen eigenen Verein zu gründen. Obwohl man somit die Lok Fans kopierte, ändert dass nichts an dem Verhältnis zum Rivalen. Im Hass auf die Lok-Fans sind Sachsen und BSG-Anhänger nach wie vor vereint.

KSV Hessen Kassel

Die Geschichte der Nordhessen liest sich gegen die, der beiden Leipziger wandelnden Historienwälzer wie ein Boulevard-Artikel. Sehr schnell eben. Durch die Fusion von VfL Hessen und dem SV Kassel, entstand 1947 der Kultur Sport-Verein Hessen Kassel (KSV). Dieser dümpelte die darauf folgenden Jahrzehnte zwischen Zweit- und Drittklassigkeit umher, wobei das Jahr 1985 als tragischer Höhepunkt gelten darf. Unter Trainer Jörg Berger stand man vor dem letzten Spieltag auf dem ersten Tabellenplatz. Nach einer 0:2 Pleite in Nürnberg gegen den Viertplatzierten Club, rutschte man aber selbst auf den vierten Rang und verpasste somit haarscharf den Aufstieg in die erste Liga. Es folgten der Abstieg in die dritte Liga und 1993 schließlich der Konkurs. Drei Monate später wurde sogleich der FC Hessen Kassel gegründet, der jedoch drei Jahre später ebenfalls Bankrott ging. 1998 schließlich wurde der Verein neu gegründet unter dem alten Namen KSV Hessen Kassel. Nach der Neugründung hagelte es Aufstiege in Folge und seit 2006 spielt Kassel in der Regionalliga Süd. In der vergangenen Winterpause verpflichtete Hessen Kassel den ehemaligen US-amerikanischen Nationalspieler Michael Mason, als Standby-Spieler. Der 37-Jährige soll vor allem in der zweiten Mannschaft zum Einsatz kommen, doch auch mit seiner Erfahrung seinen Beitrag zum angepeilten Aufstieg in die dritte Liga leisten. Aktuell steht man auf einem Aufstiegsplatz.

AFC Wimbledon

Als »Crazy Gang« mischte der FC Wimbledon in den 80er Jahren den englischen Fußball auf. Grätschvirtuosen wie Vinnie Jones und »Haudraufästheten« á la Dennis Wise benahmen sich auf dem Platz wie Terence Hill und Bud Spencer in der Kneipe. Den großen FC Liverpool blamierte die »Crazy Gang« im FA-Cup-Finale 1988 und nahm die Trophäe heim nach London. Heim nach London?  Das war einmal. Denn heute residiert der FC Wimbledon in einer Retortenstadt namens Milton Keynes und nennt sich MK Dons. Ein Umzug, der im Kopf  Pete Winkelmans, dem Initiator der Umsiedlung, sicher Sinn gemacht hat, bei den Fans des FC Wimbledon aber auf größtmögliche Ablehnung stieß. Natürlich zogen die Fans nicht mit um, sondern schufen sich ihren geliebten Klub einfach neu. Der AFC Wimbledon wurde zum neuen Sympathieträger im Tennismekka. Völlig basisdemokratisch gehört der Klub den Fans, organisiert im »Dons Trust«. Die sportliche Bilanz stimmt, nach mehreren Aufstiegen ist man bereits in der sechsten Liga angekommen. Es gibt scheinbar  doch noch Gerechtigkeit im Fußball.

SG Dynamo Schwerin

Fußball und Schwerin bildeten selten eine Einheit. Der Schweriner an sich geht lieber zum Handball und wenn es dann doch mal Fußball sein soll, greift die magnetische Wirkung des FC Hansa aus Rostock. Die Sportpolitik der DDR sah für Schwerin kein allzu leistungsfähiges Team vor, stattdessen traten zeitweise drei Teams zugleich in der 2. Liga an – schlechte Vorraussetzungen für eine Bündelung der Kräfte. Als Platzhirsch des viel zu kleinen Reviers kristallisierte sich Dynamo Schwerin heraus. Dynamo setzte 1990 dann auch das größte Ausrufezeichen des Schweriner Fußballs. Als Zweitligist erreicht man das Pokalfinale und unterlag dort nur knapp dem Namensvetter aus Dresden. Da die Sachsen zudem die Meisterschaft gewannen, durfte Schwerin sogar im Europapokal der Pokalsieger gegen Austria Wien ran. Dem Höhepunkt der Vereinsgeschichte folgte der tiefe Fall – die politische Wende wurde zur Zäsur. Talentierte Spieler, u.a. Torwart Andreas Reinke,  versuchten ihr Glück im goldenen Westen und Dynamo, inzwischen als PSV Schwerin firmierend, wurde durchgereicht. Fusionen und Namenswechsel folgten. Aus dem PSV wurde der 1. FSV, aus dem 1. FSV wurde der FC Eintracht. Den gibt es noch heute, das Interesse an ihm ist aber marginal. So marginal, dass im Zuge der »Ostalgiewelle« die guten alten Zeiten heraufbeschworen und 2003 die SG Dynamo Schwerin neu gegründet wurde. Dem Neubeginn in der Kreisliga folgten drei Aufstiege am Stück, ein weiterer Aufstieg fehlt noch zum Derby gegen den FC Eintracht, den man in der Gunst der Schweriner schon längst überholt hat.

Kickers Ganderkeese

Weil es ihnen beim SG Bookhorn »zu viel schlechte Laune« gab gründeten Sven Menßen und Hartmut Findeisen kurzerhand ihren eigenen Verein. Nicht dass es in der überschaubaren Gemeinde Ganderkeese in Niedersachsen zu wenige Vereine gäbe - die Kickers Ganderkeese sind der siebte Fußballklub. Doch die Motivation sich in verkrusteten Vereinsstrukturen aufzureiben war geringer, als einfach sein eigenes Ding zu machen. »Wir wollen einfach mit Spaß Fußball spielen« und das geht natürlich am besten, wenn man der Herr im Hause ist. Die Granden der anderen Vereine haben das naturgemäß nicht so locker gesehen. »Die entscheidende Frage wird sein, ob man Jugendarbeit leisten will, oder nicht. Wenn man das würde, dann wäre es sinnvoller gewesen, die Kräfte zu bündeln. Wenn man dies aber nicht will, dann ist die Neugründung sinnvoll, weil die Kickers uns dann mit ihren niedrigeren Mitgliedsbeiträgen die Spieler abgreifen können«, mäkelte Horst Reiß, Vorsitzender des TSV Ganderkesee. Da spricht der pure Neid. Sich schwup die wup einfach einen eigenen Verein zu gründen, ist doch der Traum von jedem der mit »unüberwindlichen« Problemen konfrontiert ist. So nach dem Motto: Auto kaputt, neues kaufen. Beziehung im Arsch, neue Freund/in klar machen. Haus von Hurricane verwüstet, neues bauen. Was aber kommt dann?

FC Wacker Innsbruck

Es war Mitte der 80er, als Wacker erstmals seine Tradition verlor. Trotz guter Meisterschaftsplatzierungen und mehrmaliger Europapokalteilnahmen drehte der Sponsor den Geldhahn zu. Innsbruck war pleite. Zwar fand sich kurz darauf ein neuer Geldgeber, doch mit ihm begann die Tradition zu schwinden. Die Firma Swarovski hatte sich bereit erklärt, den Verein finanziell zu stützen. Und es dauerte nicht lange, da war aus dem altehrwürdigen FC Wacker Innsbruck der werbeträchtige FC Swarovski Tirol und aus Grün-Schwarz Blau-Weiß geworden. 1992 endete das Experiment »Swarovski« und neue Turbulenzen nahmen ihren Lauf. Der Verein hieß einmal FC Tirol, ein anderes Mal FC Wacker Tirol, ging Pleite, gründete sich neu.  Niemand wusste, ob die Mannschaft demnächst in Flamingo-rosa oder Kuh gefleckt auflaufen würde. Doch spätestens seit der Umbenennung des FC Wacker Tirol zu FC Wacker Innsbruck im Juni 2007 hat der Verein  seine Tradition zurück. Und auch das Trikot hat das Grün-Schwarz vergangener Tage wieder.

RSV Göttingen 05

Die Geschichte des RSV aus Göttingen reicht weit zurück. Bereits 1905 wurde der Verein als Göttinger FC 05 gegründet. Doch die Linie des Vereins sollte nicht ungebrochen bleiben. Auf zwei Namensänderungen folgte die Auflösung im Jahre 1945. Als SV Schwarz-Gelb 05 Göttingen fand sich 1948 ein Team, dass die Göttinger Fußballtradition fortführen sollte. Die erneute Namensänderung in 1. SC Göttingen 05 wenige Monate später sollte lange Bestand haben. Doch 2001 meldete der Verein Insolvenz an. Als Folge der Zahlungsunfähigkeit wurde der niedersächsische Klub aus dem Vereinsregister gestrichen. Als der 1. SC Göttingen 05 im März 2005 zu neuer Stärke kam, schien die Geschichte des Vereins lange beendet. Der zwischenzeitlich gegründete 1. FC Göttingen 05 (ein Auffangverein für Jugendmannschaften) fusionierte mit dem RSV Geismar und nennt sich seitdem RSV Göttingen 05.

FC Kopenhagen

Eine Vernunftehe schlossen im Jahre 1992 die dänischen Vereine Boldklub 1903 und KB Kopenhagen. Die einen (KB) hatten Fans ohne Erfolg, die anderen (B1903) Erfolg ohne Fans. In der Hoffnung, gemeinsam das Optimum zu erreichen, taten sich beide Vereine zusammen und fusionierten zum FC Kopenhagen. Der Plan ging auf und der FCK wurde zum skandinavischen Vorzeigeklub.

SV Blau-Weiss 90 Berlin

Nein, Karlheinz Riedle begann seine Bundesligakarriere nicht in Bremen. Sie  begann in Berlin, bei Blau Weiss 90. Mitte der 80er fand Hertha kaum statt und die SpVgg BW 90 wurde zur Nummer 1 in (West-)Berlin. Das Bundesligaabenteuer dauerte zwar nur ein Jahr, die Schulden blieben aber erstklassig. Der Konkurs folgte 1992. Der Tradition verpflichtet wurde umgehend der SV Blau Weiss 90 gegründet, der in den Sümpfen des Berliner Fussballs von Neuem beginnen musst - dort dümpelt er nach wie vor.

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