10 Dinge über Wolfram Wuttke
27.02.2012

10 Dinge über Wolfram Wuttke

»Scheiß dir nicht in die Hose«

Genie oder Spalter. Kleiner König oder Parasit. Kaum ein Spieler polarisierte in den Achtzigern so wie Wolfram Wuttke. In unserer neuen Ausgabe findet ihr das große Karriere-Interview mit ihm. Ergänzend auf 11freunde.de: Zehn Dinge über Wolfram Wuttke.

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imago

1.
Doppelte Freude: Kurz nach seinem Profidebüt beim FC Schalke 04 – am 6. Oktober 1979 gegen Werder Bremen – bestand Wolfram Wuttke seine Führerscheinprüfung. Vielleicht auch, weil er zuvor eifrig mit fremden Wagen übte. Einige Zeitungen schrieben etwa, dass Wuttke sich einmal den Mercedes von Teambetreuer Charly Neumann ohne Erlaubnis schnappte und damit Runden um den Trainingsplatz drehte, während seine Mitspieler unter den Medizinbällen schwitzten. Neumann soll ihm dafür eine Ohrfeige verpasst haben. »Halbwahrheiten«, sagt Wuttke heute. »Es war ein VW Scirocco. Und eine Ohfeige gab's auch nicht. So etwas hätte Neumann nie gemacht.« Nach der Führerscheinprüfung, die er an seinem 18. Geburtstag beatand, sagte Wuttke in der Fußballwoche: »Jetzt kann ich alleine nach Schalke fahren und brauche meinen Vater nicht immer. Und auch Brigitte kann mit.« Sein Traumauto? »Ein Scirocco oder Golf! 'N bisschen nach was muss er schon aussehen.«



2.
Bei Borussia Mönchengladbachkam der bekennende Raucher nicht sonderlich gut mit Trainer Jupp Heynckes zurecht (Wuttke: »Ein militanter Asket«). Und auch in der Mannschaft war er nicht der Beliebteste. Gladbachs Kapitän Wilfried Hannes sagte eines Tages: »Wuttke ist ein Chaot, wenn er geht, schenke ich ihm eine goldene Rolex zum Abschied.« Wuttke wollte ihn beim Wort nehmen und sprach ihn darauf an. Die Mannschaftskollegen beschlossen daraufhin, ihn aus Kostengründen mit einer gefälschten Rolex zu foppen. Der damalige Gladbacher Betreuer und Physiotherapeut Charly Stock ritzte den Firmen-Schriftzug auf die Unterseite einer gewöhnlichen vergoldeten Uhr (Wert: 100 Mark). Wolfram Wuttke verließ daraufhin tatsächlich den Verein. Allerdings nicht wegen der Uhr, wie heute behauptet wird. Die Fälschung hatte er nämlich sofort erkannt: »Dass das Teil ein Imitat war, erkannte man sofort. Die hatten da mit einer Gabel Rolex reingeritzt – mehr schlecht als recht. Mir war's egal – sie funktionierte.«

LEGENDÄRE WUTTKE-ZITATE 1
»Jetzt scheiß dir mal nicht vor dir selber in die Hose, Mann!«
(Wolfram Wuttke zu einem Linienrichter)


3.
Im Sommer 1983 wechselte Wolfram Wuttke zum Hamburger SV, der gerade den Europapokalsieger der Landesmeister gewonnen hatte. Wuttke hatte viel vor: »Ich will die Meisterschaft, den DFB-Pokal, den Weltpokal und den Europapokal gewinnen.« Am Ende stand die Mannschaft mit leeren Händen da. »Horst Hrubesch und Lars Bastrup waren weg, die Mannschaft war hoffnungslos überaltert. Manfred Kaltz, Bernd Wehmeyer, Uli Stein, Ditmar Jakobs – die Führungsspieler waren alle über 30. Wenngleich Jakobs hinten imposant alles wegfegte und Stein der beste Torwart der Welt war«, sagt Wuttke heute.

4.
Zu Beginn seiner HSV-Zeit gab er für die »Bild«-Zeitung zudem ein erhellendes Leser-Interview. Jan Haferland aus Hamburg fragte etwa: »Welche Hobbys haben Sie?« – Wuttkes Antwort: »Tennis, Musik – und Faulenzen.« Auch gut Matthias Tetzner: »Warum spielen Sie so oft mit dem Außenrist« – Antwort: »Weil's meine Spezialität ist.« So harmlos die Fragen waren, das Interview holte Wuttke tatsächlich ein Jahr später ein. In einer Antwort hatte er vollmundig angekündigt, dass er barfuß durch Hamburg-Ahrensburg läuft, wenn er in der ersten Saison keine 15 Tore schießt. Ihm gelangen schließlich sieben Treffer – und löste die Wette tatsächlich ein.

LEGENDÄRE WUTTKE-ZITATE 2
»Immer, wenn ich breit bin, werde ich spitz.«
(Wolfram Wuttke über Alkohol)


5.
Wolfram Wuttke fiel auch bei HSV-Trainer Ernst Happel bald in Ungnade. »Für den Alten war ich entweder Zauberer, Wurschtl oder Arsch. Schließlich war ich fast nur noch Arsch«, sagte Wuttke einmal. Am Ende seiner HSV-Zeit wurde er vom Training verbannt und musste wochenlang Runden laufen, während die Mitspieler Bälle aufs Tor schossen. Ernst Happel verriet damals, dass er die Stürmer Dieter Schatzschneider und Wolfram Wuttke »aufs Schlimmste erniedrigt habe«. Er nannte Wuttke allerdings nicht nur Arsch, sondern auch »Parasit« oder »Wurm«. Und er polterte: »Der Schatzschneider läuft so langsam wie eine Schildkröte, der Wuttke verkriecht sich, wenn sein Feind kommt.« Die HSV-Fans indes liebten ihren Wutti, ein Graffito am Trainingsgelände (»Wutti, wir brauchen dich!«) zeugte noch Jahre nach seinem Weggang davon.

6.
Warum lief es in Kaiserslautern eigentlich besser? Wuttke in einem Interview mit der Bild am Sonntag aus dem Oktober 1986: »Die Menschen in Hamburg leben auf einem anderen Level. Beim HSV bin ich wiederwillig auf den Platz, weil ich spielen musste, was ich nicht wollte. Wenn ich ins Mittelfeld bin, um den Ball zu holen, hat Happel gebrüllt: ›Tret den Wuttke in den Arsch‹. Wenn ich in Kaiserslautern mit schlechter Laune ins Training komme, sagt Bongartz: ›Schieß ein paar Bälle aufs Tor und lass dich dann massieren!‹.« Während seiner Zeit in Kaiserslautern wurde Wuttke Nationalspieler. Mit der Olympia-Mannschaft gewann er 1988 die Bronze-Medaille in Seoul. Im Halbfinale schied die Elf um Jürgen Klinsmann, Fritz Walter jr., Frank Mill und Wolfram Wuttke gegen Brasilien aus. Das Spiel um Platz gewann Deutschland gegen Italien mit 3:0.

LEGENDÄRE WUTTKE-ZITATE 3
»Ich kann gar nicht auf einem Weinfest gewesen sein, ich bin Biertrinker.«
(Wolfram Wuttke über ein Weinfest in Bad Dürkheim)


7.
Stress gab allerdings auch in Kaiserslautern. Die Geschichte mit dem Weinfest, das Wuttke angeblich nicht besucht hatte, ist häufig erzählt worden. Die Episode mit Sepp Stabel ebenfalls – allerdings falsch. Stabel löste im Januar 1987 Hannes Bongartz als Trainer ab. Wuttke sagte einmal beiläufig: »Er war früher Torwart.« Ein Reporter hörte mit. Am nächsten Tag stand in der Zeitung: »Wuttke: Was will mir ein ehemaliger Ersatztorhüter schon beibringen?« Wuttke kündigte in jener Zeit auch an, nicht mehr mit der »Sportbild« sprechen zu wollen.

8.
1990 wechselte Wolfram Wuttke zu Espanyol Barcelona, wo er 15 Tore schoss. Weil die Fans ihn »Kleinen König« tauften, ließ sich Wuttke bei einem Interviewtermin in einem Königsgewand und mit einer Krone auf dem Kopf ablichten:

Wuttke

9.
Zwei Jahre später kehrte Wuttke nach Deutschland zurück. Neuanfang beim 1. FC Saarbrücken. Endlich mal passte alles: Sein ehemaliger Mitspieler Rüdiger Abramczik war als Co-Trainer in Saabrücken tätig, sein Kumpel Peter Neururer arbeitete als Chefcoach. Beide sind heute noch miteinander befreundet. »Ein lockerer Typ, der zudem sachlich und fachlich einer der besten ist«, sagt Wuttke über Neururer. »Leider hat er über all die Jahre ein Image aufgedrückt bekommen, was er sich natürlich ein wenig selbst zuzuschreiben hat.« Doch auch das Kapitel Saarbrücken endete mit einem Disput. Neururers Nachfolger Fritz Fuchs warf Wuttke einmal vor, er habe »bis zwei Uhr früh ein Palaver bei Bier und Schnaps veranstaltet«. Wuttke entgegnete, so schrieb die FAZ im August 1993, dass er »kein Lügner und Säufer sei und demjenigen die Zunge abgeschnitten werden solle, der ihn diskreditiere«. Wenig später beendete Wuttke wegen eines Schulterbruchs seine Karriere.

LEGENDÄRE WUTTKE-ZITATE 4
»Der liebe Gott hat mir die Füße verrenkt, für mich eine Gabe des Himmels.«
(Wolfram Wuttke über Geschenke)


10.
Nach seiner Karriere arbeitete Wuttke als Sportdirektor beim TSV Crailshaim, eröffnete ein Sportgeschäft und war kurzzeitig als Tennistrainer tätig. Im Jahr 2000 erkrankte Wuttke an Brustkrebs. Heute hat er die Krankheit überstanden. Er lebt in Selm, einem Städtchen in der Nähe von Dortmund. »Gelegentlich rauche ich noch eine am Fenster«, sagt er. Ins Fußballstadion geht er selten. 


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